Folge 1 Lesen, Wiederholen, Lernen Unsere Schüler werden von allen Seiten mit praktischen Tips* zum Lernen überhäuft. Hier ein Beispiel aus einer Website zum Thema Lernen: »Den in der Schule gelernten Stoff am Nachmittag wiederholen. Einfaches, kurzes Durchlesen wirkt Wunder.« Wollen wir diesen Satz mal auseinandernehmen? Dann also los! Richtig ist die Aufforderung, den Lernstoff zu wiederholen. Wiederholung ist Voraussetzung für alles Lernen. Das also ist völlig in Ordnung. Der zweite Satz aber bedient wieder einmal die pädagogische Windmaschine, derzufolge jedweder Erfolg ohne Anstrengung erzielt werden könne. »Einfaches, kurzes Durchlesen wirkt Wunder.« Ein Wunder wäre es tatsächlich, wenn sich der Mensch durch bloßes, mechanisches Lesen Wissen und Fertigkeiten aneignen könnte. Hier liegt der Hase im Lernpfeffer! Lesen und Lesen sind zweierlei. Es gibt Personen, welche beim rein mechanischen Lesen das Gehirn völlig abschalten können. Ah – kommt Ihnen das bekannt vor? Das Kind hat den Text laut gelesen und kann anschließend so gar nichts über dessen Inhalt sagen. Da haben wir’s! Aneignendes Lesen setzt einen wachen Verstand voraus, der den Inhalt geistig verarbeitet. »Mitdenken« nannte man das früher. Der Vorgang des Verarbeitens von Material oder geistiger Materie kann nirgendwo im Leben ohne Aufwand von Energie erfolgen. Aktives Lesen, bei dem nachher etwas mehr als ein »Ich weiß nicht« übrigbleiben soll, ist ein geistig herausfordernder, anstrengender Akt. Die anbiedernden und dümmlichen Lockvokabeln »kurz« und »einfach« führen denjenigen, der ihnen Glauben schenkt, in die Sackgasse. Beobachten wir einmal einen aktiv Lesenden beim Studium von Fachliteratur: - er gerät immer wieder ins Stocken, legt für einen Moment den Text beiseite, schaut in die Luft (in sich hinein)
- die Lippen können sich dabei bewegen, denn es wird heftig memoriert und nachgedacht.
- er unterstreicht und kritzelt etwas in das Buch oder auf ein Stück Papier
- er liest in Ruhe und Geduld zu Ende
Allein auf diese Weise – und nur so! – wird ein Zugewinn an Wissen erzielt. Aktiv lesen heißt mitdenken, Wörter und Sätze auswendig wiederholen, innerlich Fragen stellen, Aha- oder Déjà-vu-Erlebnisse goutieren (anders ausgedrückt: sich über plötzliche Erkenntnisse freuen oder sich an etwas früher Gelerntes erinnern). Lesend lernen und Wiederholen ist echte Arbeit. Einfach »schnell mal durchlesen« kann natürlich auch etwas bewirken, aber »Wunder« sind es gewiss nicht! KARIN PFEIFFER |