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Das Dilemma mit der »neuen« Rechtschreibung

 
08. April 2009
Das Dilemma mit der »neuen« Rechtschreibung
Kategorie: Schriftkultur

Das Dilemma mit der »neuen« Rechtschreibung

Die Erscheinungsform der gegenwärtigen Orthographie im öffentlichen Raum — und erst recht in den Schulen — ist in einem beklagenswerten Zustand. Welche der möglichen Ursachen auch immer genannt werden, niemand wird der Sache ganz gerecht, wenn die Hauptkalamität ausgeblendet wird: es ist dies die sogenannte Rechtschreibreform.

Seit der vom Staat an den Schulen erzwungenen Einführung der Reformschreibung ist diese mehr oder minder freiwillig von einem Großteil der Öffentlichkeit übernommen worden (man will ja nicht als rückständig gelten). Mit der Zeit sind auch vormals sattelfeste Rechtschreiber aus dem Konzept gebracht worden. Niemand weiß mehr, wie man richtig schreibt. Unzählige, in ihrem Variationsreichtum täglich sich vervielfältigende, verschiedenartige Wortbilder für ein und dasselbe Wort haben uns zweihundert Jahre zurückgeworfen, als es noch keine einheitliche Orthographie gab.

Dieser Zustand ist vor allem für Kinder folgenreich, denn Vielfalt in den Erscheinungsform jeweils eines Wortes verhindern die Ausbildung der Intuition, deren Entstehen Gleichförmigkeit und Verläßlichkeit zur Voraussetzung hat. Kinder haben es heute beim Lernen des richtigen Schreibens dank »kinderfreundlicher« Reformorthographie viel schwerer als ihre Eltern und Großeltern.

Schuld an diesem unbefriedigenden Zustand hat nicht, wie immer wieder kolportiert wird, das immer noch und auch in unabsehbare Zukunft hinein zahlreich in der Öffentlichkeit vorhandene Schriftgut in herkömmlicher Orthographie. Wie sollen all diese Schriftstücke und Bücher auch verschwinden, wenn wir sie nicht planvoll vernichten? Wer wollte damit beginnen? Bei dieser Vorstellung müßte es einem kulturverbundenen Menschen ziemlich schwül werden.
Die wahre und einzige Ursache für die allgemeine Schreibunsicherheit ist die Reformschreibung selbst in ihren unzähligen Varianten und kreativen Erscheinungsbildern. Sie ist und bleibt ein künstliches Gebilde menschlicher Willkür, aufgepfropft auf einen lebendigen Stamm und daher nicht beherrschbar. Zahlreiche Hausorthographien bestehen nebeneinander, Bücher und Zeitungen strotzen von Fehlern, jeder schreibt wie er will und meint, sich im Neuschrieb zu üben. Gleichgültigkeit breitet sich aus in Anbetracht der Unbeherrschbarkeit. Goethes Zauberlehrling kommt einem in den Sinn. Kaum jemand weiß noch, daß die klassische Rechtschreibung leicht lesbar und nicht so schwer erlernbar war, wie die Propaganda es uns weismachen wollte (und dabei auf offene Ohren stieß).

Es darf nicht verboten sein zu fragen, ob es denn ein Fortschritt sei, wenn heute gut lesbare Straßenschilder ausgetauscht werden gegen neue. Ist die »Schlossstraße« gegenüber der »Schloßstraße« tatsächlich eine kulturelle Errungenschaft? Oder muß der Teufel zum selben Loch hinaus, durch das er hereingekommen ist?

Karin Pfeiffer

 

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