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Das zu große Christkindchen

 
23. Dezember 2009
Das zu große Christkindchen
Kategorie: Dies & Das

Weihnachten
Stefan Andres*

»Es läutet zuhauf«, sagte Vater, und wir lauschten. Alle Glocken im Turm waren dabei, sie sangen immer dasselbe, sangen es auf einen Ton und klangen zusammen, tief und hoch, ganz unten, ganz oben. Sie erzählten eine große Freude — eine große — eine Freude — immer dasselbe — und Ehre sei Gott — und Friede — und Freude — eine große Freude! Heilige Nacht! Die Glocken lallten, sie konnten nicht reden, aber singen, das konnten sie — immer dasselbe — eine große Freude! Der Vater hatte das Fenster geöffnet. Ich stand in der kalten Luft, die nach Schnee roch, und sah über der Gartenmauer jenseits der Straße den Himmel funkeln. Die Sterne wiederholten wie die Glocken immer dasselbe: dasselbe Funkeln und dasselbe erzene Lallen und Schallen: eine große Freude — eine große — eine Freude!

Ich hatte mich allein auf den Weg zur Kirche gemacht. Durch die schneehellen Gassen zu gehen, noch bei Nacht und doch schon in den Morgen hinein, und die Glocken im Ohr zu haben, während die Sterne über Rupproth standen und wie die Christbaumkugeln glitzerten, — das konnte ich mit niemand teilen, selbst nicht mit Kätta. Ich wußte, sie war über Weihnachten bei ihrer Großmutter in der Wilzgasse, aber ich holte sie nicht ab. Oder konnte ich ihr erzählen, warum ich vor Mandels Eck stehenblieb? In dem einsamen Winkel, wo ein alter Stall lag, hörte ich eine Kuh, die wohl vom Hahnenschrei geweckt war, muhen, und gleich darauf meckerte die Geiß. Das hätte gewiß auch Kätta gehört. Aber mir kam Vaters Geschichte in den Sinn, jene von der Weihnacht der Tiere. Der Hahn hätt in der Nacht der Erlösung gerufen: »Christus ist hie!« Und darauf die Kuh: »Wo?« und die Geiß: »In Bethlehem!"« Konnte ich ihr, die aus der Stadt war, diese Geschichte erzählen?

In der Kirche war es eigentlich kalt und doch brachten die vielen Menschenleiber ein bißchen Wärme mit, die freilich nach Bett roch. Ja, es roch grimmig durcheinander nach fremden Stuben, nach Kleiderschränken, Kamillentee, Schmierseife und ranzigem Fett, mit dem viele ihre schweren Schuhe eingerieben hatten. Da freute ich mich richtig auf den Weihrauchduft und dem Hauch von den großen Fichten, die vor dem Josephsaltar standen, um die Krippe herum, im Schmuck zahlloser blauer, roter und gelber Glühbirnen, die in Schnüren geordnet auf- und abstiegen und zu allerlei Zählspielen einluden.

Als ich nach dem Gottesdienst zur Krippe ging, um mir wie jedes Jahr die heilige Familie und die Hirten ganz aus der Nähe anzuschauen, fiel es mir auf, daß das Christkind, wenn man es aufrecht hinstellte, so groß war sie seine Mutter. Auf einmal entdeckte ich Kätta mit ihrer Schwester Maria. Wir grüßten uns vor der Kirche und gingen zusammen nach Hause. Ich teilte den Mädchen meine Bedenken wegen des allzugroßen Christkindes mit. Denn wenn das Christkind schon bei seiner Geburt so groß wie Maria gewesen wäre, hätte doch jedermann sofort gemerkt, daß es der Gottessohn war, sogar Herodes, welcher ja, eben weil er nichts merkte und gründlich sein wollte, gleich alle Kinder in der Gegend metzeln ließ. »Et is net eso groß gewesen! Sonst hätten alle Leut et sofort gemerkt. Und sie hätten et net erst zu glauben gebraucht. Und die hier in der Kirch verstehen nix vom Christkindchen, sonst machten sie es kleiner!«

Darauf sagte Kätta, aber das wüßt doch jeder, daß ein Kind kleiner wär als seine Mutter, sonst könnt sie es ja nicht gebären. Das wüßten auch die Nonnen und der Dechant und der Küster. Sie hätten das Christkind nur deshalb größer gemacht, damit man es besser sehen könnte.
»O nein«, sagte ich heftig, »Gott hätt auch ein ganz großes Christkind auf die Welt schicken gekonnt, er kann alles. Aber er schickte ein kleines, dat man net von andern Kindern unterscheiden konnt. Und dafür muß dat Christkindchen auch kleiner sein als sein Mutter — und dat hier in der Kirch is ze groß!«
Kätta lachte über mich. »Gott konnt das Christkindchen nicht größer machen als andere Kinder, sonst wär sein Mutter an dem Kind geplatzt!«
Ich blickte Kätta schnell an. Ich schämte mich wegen dieses Wortes, ich fand es außerdem schlimm, fast flößte es mir Schrecken ein. Kättas Schwester trippelte nur ruhig geradeaus. Es wurde langsam hell auf der Straße; wir waren schon in der Wilzgasse.
»Dat sagt man net, so eppes«, sagte ich sehr ernst, »dat hast du auch gelernt, bei Gott is kein Ding unmöglich. Un da wär auch en ganz großes Christkindchen in de Mutter hineingegangen. Dat wär eben en Wunder gewesen!«
Kätta lachte wieder. Sie wandte sich mir zu, beugte sich ein wenig nach vorne, ich sah alle ihre Zähne glänzen. Mir kam es vor, als nähme sie mich nicht ernst. Ich führe mich klein und unerwachsen, als ich so vor ihr stand, und ich wurde zornig und ich rief: »Du kommst in die Höll!« Als sie nun noch mehr lachte, lief ich ins Haus; ich fühlte dabei genau, daß ich vor Kätta Reißaus genommen hatte.


* Dieser Text stammt aus:
Stefan Andres. Der Knabe im Brunnen. dtv, München 2006

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foto: pixelio

 

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