Es war einmal ein Tintenfleck, der saß dick und breit auf einer weißen Seite, genau dort, wo ihn keiner haben will. Er schämte sich ob seiner hässlichen Gestalt und war traurig, dass gerade er so dort gelandet war. Am liebsten hätte er sich verkrochen oder wäre davongeflossen, aber wie nur? Da hörte er plötzlich fröhlichen Kindergesang näher kommen. Schon merkte er, wie eine Hand die Seiten des Heftes aufblätterte. Oh weh — ausgerechnet bei seiner Seite hörte das Blättern auf, sodass er nun offen und für jeden sichtbar auf dem Tisch lag. Doch was war das? Ein Juchzer war zu hören! Gleich darauf wiegte sich das Blatt vom Zeichnen und Malen einer Kinderhand. Wellen entstanden, bunte Fische und gelber Sand wurden sichtbar, und eine Sonne schmückte den Himmel. Ehe der Tintenfleck begriff, was geschah, wurde seine kleine Gestalt mit vielen blauen Armen versehen, die lustig nach allen Seiten griffen. So wurde der Tintenfleck zum Tintenfisch, und wer immer das schöne Ferienbild betrachtete, dachte an das Rauschen des Meeres und an die Pracht seiner Lebewesen.  Katja Oertel, Grundschullehrerin aus: Elisabeth Lukas, Rendezvous mit dem Leben (Seite 81) Kösel Verlag, München 2000 ISBN 3-466-36540-6
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