Zeig mir deine Zunge!

19.11.2007

 
foto: pixelio

Vom Spiegeln:
Nachahmen ist die Grundlage der Kommunikation

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie wir Menschen einander spiegeln? Gesprächspartner ahmen die Bewegungen des anderen nach, oft bis in die Details. Wir reagieren aufeinander. Unsere Bewegungen zeigen an, wie wir auf den anderen eingehen. Schon das Kleinkind weiß, wie es bestimmte Bewegungen beim Gegenüber herausfordern kann: Streckt das Baby die Zunge heraus, so wird es der einfühlsame Erwachsene höchstwahrscheinlich auch tun. Das ist der Beginn der Beherrschung der Welt! Der Beginn der Kommunikation. Die Welt erscheint berechenbar, man kann sich in ihr orientieren. Aus dieser bahnbrechenden Erkenntnis erwächst das Gefühl der Sicherheit, die das Kind so notwendig braucht wie die Luft zum Atmen.
Umgekehrt aber verhält es sich ebenso: Spitzt der Erwachsene die Lippen, so wird das Kind mit einem Spitzen der Lippen »antworten«. Zwischen den beiden entsteht durch das Spiegeln eine unsichtbare Brücke zwischen dem Du und dem Ich.

Strecken Sie also ruhig die Zunge heraus, wenn ihr kleines Gegenüber das auch macht. Das macht doch auch richtig Spaß! Nichts wäre der Entwicklung und der seelischen Gesundheit eines Kindes abträglicher, als wenn die Erwachsenen sich das »alberne« Spiegeln verkniffen. Mütter handeln ohnehin instinktiv richtig. Je alberner, desto besser! Nie darf man sich dabei jedoch von dem Gefühl der Überheblichkeit leiten lassen: Zynisches Nachäffen zerstört den Spiegel. Die Wurzel der Freude, der Ursprung der Lebenslust – sie wohnen nur im freundlichen und liebevoll vorgehaltenen Spiegel!

Auch als Erwachsene brauchen wir täglich und ohne Unterlaß die Bestätigung, daß die Umwelt auf unser Selbst reagiert. Nicht gespiegelt zu werden bedeutet den sozialen Tod. Verstehen wir jetzt, weshalb der Klassenclown und der Familienhanswurst nicht von seinen nervenden Späßen lassen will? Aus Furcht vor einem blinden Spiegel zieht er es vor, mit den verärgerten Reaktionen seiner Umwelt zu leben. Auch das ist berechenbar! Auch hieraus ergibt sich ein Gefühl der Beherrschung des Daseins. Die Ursachen liegen wohl in einer verschütteten Angst vor der Gefahr des Verlassen- und Ignoriertwerdens.

Karin Pfeiffer

Kommentare

danke für die Worte - ich lese sie immer wieder gerne - sie sind kurz, passend und wahr
Bis zum nächsten Mal
Ingrid Reus
Hauptschullehrerin in Miltenberg
– Ingrid Reus, 20.04.2008

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