Zuerst den Schnee wegfegen!
Ein altes Märchen Nun sandte die Frau ihre Stieftochter mit dem gleichen Auftrag. Wieder gebot der Einsiedler, den Schnee für die hungernden Vögel fortzukehren. Ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, griff das Mädchen nach dem Besen und begann eifrig, den Schnee beiseite zu kehren — es vergaß ganz die Erdbeeren und dachte nur noch an die hungernden Vögel. Unter dem Schnee erschienen unversehens die Erdbeeren, und das Mädchen durfte so viel davon mitnehmen, wie es wollte.* Dieses Märchen sagt uns, auf welche Weise der Mensch seine Ziele erreicht. Belohnt wird, wer sein Handeln auf Umwegen erreicht. Diese Umwege heißen Rücksicht, Hingabe, Zuwendung. Abkürzungen bringen nicht das gewünschte Ergebnis, sie erzeugen Enttäuschung und Leid. Wer aber immer nur darauf wartet, daß der Wind günstig sei, vergißt, daß der liebe Gott ihm Arme gegeben hat, um die Ruder des Lebensschiffchens selbst ein wenig vorantreiben und steuern zu können. Alle positiven Veränderungen in einer Gesellschaft gehen von den einzelnen Menschen und ihren unzähligen Anstrengungen aus, mit denen sie bestrebt sind, in ihrer unmittelbaren Umgebung die praktischen Lebensbedingungen zu verbessern. Nur in bezug auf das eigene Leben können wir Veränderungen erwirken, und genau dies ist unsere Aufgabe, hierzu haben wir alle Macht: Wo du gesät, Blume — dort blühe! Jeder von uns kann sich in dieser vorösterlichen Zeit fragen, ob wir uns nicht oft ähnlich verhalten wie die älteste Tochter, die keinen Umweg zu gehen bereit ist und deshalb mit leeren Händen nach Hause zurückkehrt. Das direkte Ansteuern des Zieles trägt viel zu der Hektik bei, in der wir unsere Tage verbringen. Es ist nicht einfach, den Schnee wegzuräumen, wenn wir doch eigentlich etwas ganz anderes begehren. Jene, deren Aufgabe es ist, Kinder und Jugendliche zu unterrichten und zu leiten, sei die Bitte besonders ans Herz gelegt: lassen Sie Umwege zu! Für Umwege brauchen wir Zeit. Wir haben diese Zeit, wir müssen sie uns nur nehmen. Der vermeintliche Zeitverlust verwandelt sich mittel- und langfristig in eine kostbare Frucht, die allen Beteiligten zugute kommt. Also: kehren wir emsig den Schnee fort, für die Vögel! Karin Pfeiffer |
| *Das Märchen ist folgendem, lesenswerten Buch entnommen: Friedrich Wilhelm Foerster, Lebensführung; Reichl Verlag, St. Goar |

