Das Dilemma mit der »neuen« Rechtschreibung
Das Dilemma mit der »neuen« Rechtschreibung Die Erscheinungsform der gegenwärtigen Orthographie im öffentlichen Raum — und erst recht in den Schulen — ist in einem beklagenswerten Zustand. Welche der möglichen Ursachen auch immer genannt werden, niemand wird der Sache ganz gerecht, wenn die Hauptkalamität ausgeblendet wird: es ist dies die sogenannte Rechtschreibreform.##### Seit der vom Staat an den Schulen erzwungenen Einführung der Reformschreibung ist diese mehr oder minder freiwillig von einem Großteil der Öffentlichkeit übernommen worden (man will ja nicht als rückständig gelten). Mit der Zeit sind auch vormals sattelfeste Rechtschreiber aus dem Konzept gebracht worden. Niemand weiß mehr, wie man richtig schreibt. Unzählige, in ihrem Variationsreichtum täglich sich vervielfältigende, verschiedenartige Wortbilder für ein und dasselbe Wort haben uns zweihundert Jahre zurückgeworfen, als es noch keine einheitliche Orthographie gab. Dieser Zustand ist vor allem für Kinder folgenreich, denn Vielfalt in den Erscheinungsform jeweils eines Wortes verhindern die Ausbildung der Intuition, deren Entstehen Gleichförmigkeit und Verläßlichkeit zur Voraussetzung hat. Kinder haben es heute beim Lernen des richtigen Schreibens dank »kinderfreundlicher« Reformorthographie viel schwerer als ihre Eltern und Großeltern. Schuld an diesem unbefriedigenden Zustand hat nicht, wie immer wieder kolportiert wird, das immer noch und auch in unabsehbare Zukunft hinein zahlreich in der Öffentlichkeit vorhandene Schriftgut in herkömmlicher Orthographie. Wie sollen all diese Schriftstücke und Bücher auch verschwinden, wenn wir sie nicht planvoll vernichten? Wer wollte damit beginnen? Bei dieser Vorstellung müßte es einem kulturverbundenen Menschen ziemlich schwül werden. Es darf nicht verboten sein zu fragen, ob es denn ein Fortschritt sei, wenn heute gut lesbare Straßenschilder ausgetauscht werden gegen neue. Ist die »Schlossstraße« gegenüber der »Schloßstraße« tatsächlich eine kulturelle Errungenschaft? Oder muß der Teufel zum selben Loch hinaus, durch das er hereingekommen ist? Karin Pfeiffer |
