Neuer Streit um die Rechtschreibreform
Jetzt und künftig: Als schon bald nach der Einführung der sogenannten Reformschreibung sichtbar wurde, daß die tatsächlichen Ergebnisse den erwarteten in keiner Weise entsprachen, sahen sich die Verantwortlichen zum Handeln gezwungen. Um den Unwillen in der Bevölkerung zu glätten (mehrere Umfragen zeigten einhellige Ablehnung der Reformschreibung), installierte die Politik im Jahr 2004 den »Rat für deutsche Rechtschreibung«. ##### Das Gremium befaßt sich mit zwei Hauptaufgabenbereichen:
Die erste Amtszeit des Rechtschreibrates endet 2010. Zur Verbesserung und Konsolidierung der Rechtschreibung winkt uns ein 5-Jahresplan — es ist dies unseres Wissens der erste Versuch, die Sprache des Volkes turnusmäßig nach zentralplanwirtschaftlichen Prinzipien zu lenken. Wem drängt sich da nicht die Erinnerung auf an die 5-Jahrespläne der kommunistischen Kollektivwirtschaft! Und was kam dabei heraus? Mit einigem Humor könnte man die skurrilen Ergebnisse der Orthographie-Planwirtschaft als Beitrag zur Erheiterung eines oft nicht vergnüglichen Alltags sehen. Doch leider ist die Sprache eines Volkes nun einmal nichts Marginales. Und unsere Schriftsprache bildet den Sockel der Kultur. Wird dieser Sockel ausgehöhlt, hat dies Folgen — auch wenn diese sich eventuell erst in Jahrzehnten zeigen werden. Peter Eisenberg, skeptisches Mitglied im Rechtschreibrat, meldet sich nun wieder in der Öffentlichkeit zu Wort. Sein Beitrag in der F.A.Z. ( Lehrer, euch gehört die Sprache nicht! ) Auf den Beitrag von Peter Eisenberg antwortete Hans Krieger, welcher bis 1998 Kulturredakteur der Bayerischen Staatszeitung gewesen war, mit einem Leserbrief, aus dem wir einige Passagen zitieren wollen. Die Sprache gehört niemandem Es ist Peter Eisenbergs großes Verdienst, den Streit um die Rechtschreibung, den er für beendet erklärt, neu eröffnet zu haben (»Lehrer, euch gehört die Sprache nicht!«, F.A.Z. vom 17. April). Denn die Folgeschäden der Reform sind täglich zu beobachten. Der gegenwärtige Schreibusus ist geprägt von allgemeiner Desorientierung, und selbst der partielle Rückbau der Reform, vor allem in der Getrennt- oder Zusammenschreibung, scheint mehr von Zufall und Beliebigkeit bestimmt zu sein als von einer Wiedergewinnung des Sprachverständnisses. Unsicherheit erzeugt Gleichgültigkeit — Anm. Stolz Das Problem hat Eisenberg mit wünschenswerter Schärfe formuliert: »Die Orthographie ist weder dazu gemacht, dass man mit ihr erfolgreich Wörterbuchverlage betreibt, noch dazu, in den Schulen gelehrt zu werden. Sie ist, wie sie ist ... Jede noch so gutwillige, gutgemeinte Manipulation am Gegenstand hat zu unterbleiben.« Aus den Chaosfrüchten der Deregulierung lassen sich Hinweise für ein angepasstes Regelwerk so wenig gewinnen, wie die marode Finanzwirtschaft aus ihrem unsoliden Derivatenhandel das Heilmittel der Gesundung schöpfen kann. Eisenberg spricht von der Verantwortung des Staates. Mit dem Eingriff in die Sprachentwicklung hat der Staat sich eine Kompetenz angemaßt, die ihm nicht zukommt; er ist nun verantwortlich für die Behebung des Schadens, den er damit angerichtet hat. Die Sprache gehört nicht den Lehrern, gewiss. Sie gehört niemandem. Am ehesten noch gehört sie jenen, die den diszipliniertesten und verantwortungsvollsten Gebrauch von ihr machen. HANS KRIEGER, MÜNCHEN | ||||
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