Sich entschuldigen
An dieser wahren Geschichte aus dem Klassenzimmer mag man erkennen, dass reine Formalismen nichts taugen, wenn das Herz nicht dabei ist. Eine Entschuldigung der mechanischen Art ist so gut wie keine Entschuldigung. Vielleicht ist sie sogar schlimmer. In meiner Klasse ging es eines Tages wiederholt um das Thema »Sich entschuldigen«. Anlass dazu gab ein Streit während der Pause, bei dem sich eins der Kinder zu Unrecht angegriffen fühlte und mir anschließend das Erlebnis brühwarm vorklagen wollte. Sein Gegner krähte aber schon bald dazwischen: »Ich habe mich längst bei Björn entschuldigt, aber er hat meine Entschuldigung nicht angenommen.« Eins der anwesenden Kinder bestätigte diese Aussage. Björn bestritt sie jedoch lautstark: »Das ist nicht wahr, Jens hat sich nicht entschuldigt, jedenfalls nicht so richtig! Er hat mich sogar noch mehr geärgert.«##### Ich forderte den Beschuldigten auf, er möge seine Entschuldigung doch noch einmal wiederholen. Er tat dies, und Björn schien zwar etwas besänftigt, aber auch hin- und hergerissen. Nach kurzem Zögern meinte er: »So war das vorhin aber nicht, da hast du das nicht so gesagt!« Nun ging ich von einem zum anderen, schaute jenen Kindern, bei denen ich mich überzeugend entschuldigen wollte, reumütig in die Augen, säuselte tiefes Bedauern mit entsprechender Mimik und streckte ihnen mit der eindringlichen Bitte um Entschuldigung die Hand hin. Sie alle verziehen mir auf der Stelle. Bei drei Kindern hielt ich nur kurz an, knurrte ihnen ohne Blickkontakt ein zerknautschtes »Tschuldigung« zu und wendete mich dann schnell wieder ab. Diese Kinder äußerten sofort energisch, dass sie meine Entschuldigung nicht annähmen. Jetzt klappte ich die Tafel auf und zeigte auf die drei Namen. Es waren exakt jene Kinder, die meine Entschuldigung nicht angenommen hatten. Ohne, dass wir noch eingehend darüber reden mussten, war jedem klar, dass man schon im Vorfeld wissen kann und auch weiß, wie die Art einer Entschuldigung auf andere wirkt. Ich nickte zum Zeichen des Verstehens. Auch die Mitschüler hakten nicht weiter nach, weil jeder die Situation offenbar nachempfinden konnte. Auf jeden Fall war sie jetzt endgültig bereinigt. Ursula Prasuhn |

Kommentare