Eine wahre Geschichte aus alten Zeiten
| Das Wechselgeld von Veronika Weinreich Es war im September 1956, die Schule hatte gerade wieder begonnen. Als wir am Mittag nach Hause kamen, stand das Essen bereits auf dem Tisch. Es gab Erbseneintopf. Noch während wir aßen, sagte der Vater: „Morgen geht ihr in den Nachbarort und holt drei Hendl ab.“ Und Mutter fügte hinzu: „Der Bauer hat uns am Vormittag besucht, mit dem haben wir es ausgemacht.“ #####Meine Schwester Marianne, ein Jahr älter, und ich, sahen uns wortlos an. Wir brauchten gar nicht zu widersprechen, denn was die Eltern sagten, mußte gemacht werden, ob es uns nun gefiel oder nicht. Ich war damals zehn Jahre alt und hatte noch zwei Schwestern und vier Brüder. Wir alle hatten unsere festen Pflichten in der Familie zu erfüllen. Am nächsten Tag, es war ein Samstag, gingen wir nach dem Essen los. Es war ein ziemlich langer Weg, den Marianne und ich vor uns hatten. Wir wohnten genau in der Dorfmitte von Schwarza. Zuerst mußten wir die endlose Dorfstraße entlang, bis ans Ende, wo nur noch wenige Häuser standen. Dann bogen wir in einen Feldweg ein. Der war ziemlich steil. Wir liegen an Wiesen, Feldern und Waldrändern vorbei. Unterwegs sangen wir Lieder, damit uns der Weg nicht so weit vorkam. Endlich hatten wir das Nachbardorf Kühndorf erreicht. Jetzt noch die Dorfstraße bis zur Ortsmitte, dann waren wir am Ziel. Die Bäuerin erwartete uns schon. Sie war eine große, hagere Frau mit strengen Gesichtszügen. Sie trug ihr Haar zu einem Knoten gebunden. Ihre braunen Augen sahen müde aus, und ihre Hände waren voller Risse. Doch sie hatte ein Lächeln für uns übrig. Der Bauer war etwas kleiner als sie, schlank und blaß, mit dünnen, grauen Haaren. Auch seine Hände zeigten Spuren harter Arbeit. Ich tat es, wir verabschiedeten uns und gingen in Richtung Heimatdorf. Kurz bevor wir die Straße erreichten, mußte ich dringend austreten. Ich lief ein Stück die Böschung hinauf und hockte mich hin. Meine Schwester wartete indessen am Straßenrand auf mich. Dann ging es weiter die Straße entlang. Rechts, steil nach unten, lag eine große Wiese mit wunderschönen Blumen in allen Farben. Wir beide waren begeistert. „Wollen wir der Mutter einen Strauß pflücken?“ meinte meine Schwester. Die Wochen und Monate vergingen. Es war ein harter Winter. Als das Frühjahr kam, schmolz die Sonne den Schnee nur so fort. Alles grünte, und auch einige Blumen blühten schon. Für uns Kinder war jede Jahreszeit schön. Der Frühling und auch der Sommer vergingen. | ||
| Aus: Wo morgens der Hahn kräht. Unvergessene Dorfgeschichten 1912 - 1968 Zeitgut Verlag, Berlin 2007 Seite 324 | ||

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