Wenn die Bilderflut das Lernen verhindert
Das Visuelle im Unterricht Die Pädagogik legt viel Wert auf Anschauung im Unterricht, denn alles Begreifen geht vom Gegenständlichen aus, wie das Wort be-greifen schon nahelegt. Was wir niemals gesehen, gehört, gefühlt haben, können wir uns nicht vorstellen. Das Abstrakte baut auf dem Konkreten auf, nicht umgekehrt. Insofern ist Anschaulichkeit unentbehrlich für jegliches Lernen. Vom visuellen Chaos zur Ordnung Ein Kleinkind, das im Kinderwagen geschoben wird, kann nichts lernen, sofern nicht die Mutter durch Zuwendung und Sprache dabei hilft, Einzelheiten zu benennen: »Schau mal, das ist ein Hund!« Der Blick des Kindes wird vom Hund zur Mutter, und von der Mutter zum Hund pendeln, wie um sich Rückversicherung zu geben: Da ist das vertraute Bild der Mutter, dort das Neue, was sie »Hund« nennt. Nun erst kann das Kind den Hund sehen, erkennt seine Form, erinnert sich später daran und behält sowohl das Abbild als auch dessen Namen. Das ist der Beginn des Abstrahierens. Ein mit Bildern überflutetes Kind jedoch wird nichts dazulernen, weil diese Bilder gar nicht als Einzelheiten wahrgenommen werden. Die Gegenstände »entstehen« buchstäblich erst durch die Kommunikation mit dem Erwachsenen. Nun verstehen wir, weshalb wir Kinder nicht allein vor den Fernseher oder Computer setzen sollen. Nun wird klar, daß der verkehrt herumgedrehten Kinderwagen eine Modetorheit ist, dem leider allzuviele Mütter Folge leisten. Der visuelle »Ankerplatz« fehlt: das mütterliche Gesicht. Und noch etwas fehlt: die Aug-zu-Aug-Kommunikation, die das Wort erst so richtig zur Geltung bringt. Die fremde Welt erklärt sich nicht selbst, sie muß durch den Erwachsenen erklärt werden. Im engen Kontakt mit lebendigen Menschen lernt das Kind sprechen. Jeder Gegenstand muß einen Namen bekommen. Diesen Namen nimmt das Kind nur dann aktiv in seinen Wortschatz auf, wenn es von einem vertrauten Menschen gesprochen wird, und wenn dieser dabei dem Kind sein Gesicht zuwendet. Eine durch Maschinen imitierte menschliche Stimme bewirkt nicht dasselbe. Auch eine unsichtbare Mutter, die mit dem Kind spricht, ist nicht viel wert. Für die geistige Entwicklung des Kindes in den ersten Lebensjahren sind sowohl Blick wie Stimme der Mutter unentbehrlich, wenn es sehen und sprechen lernen soll. Im aktiven, gemeinsamen Betrachten und Erklären der Welt lernt das Kind die Wörter. Daß unsere erste Sprache Muttersprache heißt, ist kein Zufall. Sprachkompetenz ist Grundlage für das Lesen und Schreiben. Barry Sanders berichtet in seinem lesenswerten Buch »Die Verlust der Sprachkultur« von einem kleinen Jungen, der wegen seines Asthmas die meiste Zeit im Hause bleiben mußte. Seine Eltern waren gehörlos, während das Kind ganz normal hörte. Die Eltern wünschten sich, daß das Kind sprechen lerne, und so setzten sie den Kleinen alle Tage vor den Fernsehapparat. Mit drei Jahren konnte er sehr fingerfertig die Taubstummensprache ausführen, gesprochene Sprache jedoch weder sprechen noch verstehen. Die Bilder des Fernsehens blieben für das Kind tot, obwohl eine elektronische Stimme mit ihrem Erscheinen einherging. Was können wir daraus folgern? Eltern kennen das: Kinder überschütten sie mit Tausenden von Fragen, Warum dies, Warum das, schau mal hier, schau mal da, mir tut das weh, was ist das? und so weiter. Je geduldiger auf diese manchmal nervigen Fragen und Klagen eingegangen wird, desto besser wird das Kind sprechen lernen, desto mehr Wörter eignet es sich an, um das Meer der der Eindrücke einzudämmen und damit fähig zu werden, sich zu orientieren. Wenn ein Kind von klein auf daran gewöhnt ist, daß Bild und Wort auseinanderfallen, wird es unter Umständen ein gestörtes Verhältnis zur Sprache und auch zur elterlichen Autorität entwickeln. Wörter werden nicht mehr auf Situationen bezogen, vielmehr sind sie bedeutungslos, denn sie kommen aus dem Off. Dieses Kind sitzt später einmal vor dem Bildschirm mit dem Rücken zur Mutter, wie es das schon im Kinderwagen tat; das Gesicht der Mutter bleibt verborgen, das Kind hört nur die Stimme. Diese Stimme hat kein Gesicht, sie bleibt anonym. Das Kind hat sich daran gewöhnt, irgend etwas zu hören, was keinen Bezug zur Welt hat. Es hat nicht gelernt, zuzuhören, weil es das Gesicht der Mutter nicht sieht. Es kann nicht kommunizieren. Wir lernen nur deshalb sprechen, weil wir damit die Zuwendung bekommen, die wir benötigen — von Angesicht zu Angesicht. Dazu müssen wir uns Zeit nehmen, um unsere Kinder anzuschauen. Wenn wir damit fortfahren, unsere Kinder mit Bildern zu konfrontieren, die wir ihnen nicht erklären, indem wir ihnen unser eigenes Gesicht und unsere eigene Stimme leihen, werden wir eines Tages verzweifelt fragen, weshalb sie weder mit uns sprechen wollen noch das Lesen und Schreiben erlernen können. |
| Karin Pfeiffer |

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