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Eine häufig begangene »Todsünde« beim Üben der Rechtschreibung

 
20. Februar 2016
Eine häufig begangene »Todsünde« beim Üben der Rechtschreibung
Kategorie: Besser lernen

Die Gegenüberstellung von Wörtern mit gleich und ähnlich klingenden Laute ist eine Übungsform, die sich ungeheuer großer Beliebtheit erfreut. Rechtschreibaufgaben nach dem Muster d oder t, chs oder x, -ich, -isch oder ig usw. sind so gut wie in jedem Lehrwerk für Rechtschreibung zu finden. Völlig ungeniert stehen hier sehr ähnliche Lerninhalte nebeneinander – offensichtlich erwarten die Produzenten solcher »Lernhilfen«, daß unsere Kinder etwas dabei lernen. Doch das Ergebnis ist, daß sie für die gesamte Schulzeit und wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang Probleme mit genau diesen Lerninhalten haben werden.

Seit jeher warnen verantwortungsbewußte Pädagogen vor der Methode der Gegenüberstellung ähnlicher Lerninhalte, stiftet sie beim Schüler doch nichts als Unsicherheit und Irrtum. Wer im Schreiballtag die Schreibweisen s, ss oder ß nicht auseinanderhalten kann, wird kaum von einer plötzlichen Schreibsicherheit heimgesucht, wenn wir ihn gerade vor diese Alternativen stellen. Seine wachsende Verwirrung ist als »Ranschburg-Phänomen« bekannt. Das Ranschburg-Phänomen ist die 1902 von dem ungarischen Psychologen Pál Ranschburg nachgewiesene Hemmung des Gedächtnisses bei der Reproduktion von ähnlichen Lerninhalten durch Mangel an gestaltlicher Differenzierung. Sprich: Wenn ich mir gleichzeitig verschiedene Inhalte merken will, die einander ähnlich sind, dann komme ich leicht durcheinander – und je unsicherer ich mich auf dem dargebotenen Lernbereich bewege, umso mehr Ähnlichkeitshemmung wird mich plagen.
(Übrigens bietet uns die sogenannte Rechtschreibreform ein anschauliches Beispiel für die Ranschburg-Hemmung: die jetzt selbst in Zeitungen und Zeitschriften zu beobachtende Verwechslung von »das / dass« hat seine Ursache in der beim flüchtigen Hinschauen »gleichen« Wortgestalt von das/dass – vormals konnte man die beiden Wörtchen optisch besser unterscheiden: das / daß.)

Ein Kind, das ständig gegenüberstellende Aufgaben vorgesetzt bekommt, wird nichts dazulernen – im Gegenteil. Tragisch sind die psychologischen Folgen: es wird zu dem Schluß kommen, es sei zu dumm, um die richtigen Schreibweisen zu behalten. Wie soll dieses bedauernswerte Kind wissen, daß der Mangel nicht bei ihm selbst liegt, sondern daß die Methode selbst »dumm« ist! Die verflixten Gegenüberstellungen haben schon ganze Schreibgenerationen für sicheres und selbstsicheres Schreiben endgültig verdorben.

Einzig als Test ist diese Methode erlaubt und erfüllt dort auch seinen Zweck – wenn getestet werden soll, wie sicher die Schüler in der Anwendung richtiger Schreibweisen sind. Dennoch: es gibt auch bessere „Testmethoden" und die Darbietung gehäufter Rechtschreibprobleme entbehrt der Sinnhaftigkeit. Beim Schreiben in Beruf und Alltag werden solche »Gemeinheiten« nicht auftauchen. Die Schule soll aber doch für das normale Leben vorbereiten, und nicht für ein Rechtschreibkuckucksheim. Gegenüberstellungen sind daher im Grunde eine künstliche und höchst überflüssige Darbietung des Lernstoffes.

 
  

Fazit: Wer wünscht, daß sein Kind in der Rechtschreibung Fortschritte macht, lasse es mit gewöhnlichen und nicht künstlich verkomplizierten Texten üben – und darüber hinaus übe man sich als Erwachsener in Geduld! Gute Dinge wachsen langsam.
Als Übungsform für Schüler mit ungefestigter Rechtschreibung seien Gegenüberstellungen mit gleich- und ähnlichklingenden Buchstaben streng tabu. Fort damit!

 
  


Kommentare zu diesem Beitrag:
von Christoph Schatte (12. August 2007, 11:55):
Dieselbe unisinnige Zusammenstellung von eigentlich Disparatem ist bis heute leider auch in der Schulmusikmethodik nicht auszurotten, obwohl auch dort seit spätesten 1918 das »Ranschburg-Phänomen« bekannt ist.
 

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